← Blog

Der Fleck dort könnte eine Koralle sein

Warum ich wieder male und was das mit meiner Arbeit zu tun hat: Über zwei Arbeitsmodi und den, der mir abhandengekommen ist.

Atelierfoto: Acrylfarben, eine bemalte Leinwand und eine Palette aus Alufolie mit angemischten Farbtupfern

KI scraped Kunst, Daten, alles Mögliche und erstellt auf Knopfdruck neue Bilder, neue Texte, neuen Code. Ich nutze das, teilweise, und manchmal lasse ich mich von den Möglichkeiten auch überwältigen.

Ausgerechnet jetzt habe ich wieder mit dem Malen angefangen. Das mag nicht intuitiv erscheinen.

Mir sind meine eigenen Fähigkeiten wieder wichtiger geworden. Der Prozess, wie ich zu einem Ergebnis komme. Ich schreibe mehr, sammle Notizen und Ideen, lese wieder „statische” Bücher. Und ich male in einer Malgruppe, mit Menschen im selben Raum.

Was auf der Leinwand passiert

Ich klatsche Farbe aufs Papier oder auf die Leinwand und schaue, was passiert. Dieser Hintergrund sollte ein Teich werden, jetzt sieht es aus wie eine Unterwasserwelt. Der Fleck dort, das könnte eine Koralle sein. Hier noch eine Schicht drüber, ein heller Moment würde der Sache guttun.

Kein Ziel, kein Briefing. Ich folge dem, was schon da ist.

Der Modus, den ich kaum noch übe

Mein Arbeitstag besteht fast nur aus dem Gegenteil. Ich eröffne eine Richtung, ich gebe ein Ziel vor, ich bewerte, was zurückkommt. Die Vernünftige sein, die mit dem Überblick und der Strategie.

Das führt häufig zu guten Ergebnissen. Dazwischen liegt aber auch viel Überforderung, Überproduktion und Wahllosigkeit.

Beim Malen kann sich die Richtung unterwegs ändern, ohne dass ich das entscheide. Die Farbe läuft, eine Schicht deckt anders als gedacht. Der Fleck war kein Vorschlag, den ich abgerufen habe. Am Ende steht ein Prozess, der befriedigend war, und etwas, auf das ich stolz bin.

Woher soll das Urteil kommen?

Es heißt, ein wichtiger Skill bei der Nutzung von KI sei Taste. Geschmack, Urteilsvermögen, ein geschultes Auge.

Nur: Woher soll mein Urteil kommen, wenn ich kaum noch exploriere? Expertise entsteht durch Wiederholung und Übung.

Das ist kein neues Problem. Wer lange genug führt statt zu machen, verliert irgendwann das Gefühl für das Gemachte. Neu ist nur, wie früh man jetzt in diese Rolle kommt und wie wenig schulende Arbeit noch übrig bleibt.

Dazu passt ein Befund aus Science Advances: Mit KI-Ideen wurden Kurzgeschichten einzeln besser bewertet, ähnelten sich untereinander aber stärker. Individuell besser, gemeinsam ärmer. Das ist das Material, an dem ich mein Auge schule.

Beide Modi gibt es überall

So sauber getrennt ist das allerdings nicht, und an den Werkzeugen liegt es auch nicht. Ich nutze digitale Tools ebenso beim Malen. Ich fotografiere Zwischenstände ab und probiere mit Filtern herum, ich starte mit Fotos und male erst mal Outlines in Procreate.

Und ich lasse ein LLM meine Bilder analysieren. Das ist schräg, gebe ich zu. Ich habe dabei kein Ziel, ich will nur sehen, was zurückkommt. Manchmal bringt es mich auf Suchbegriffe: Namen aus der Kunstgeschichte, Werke, Stilrichtungen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre.

Das Digitale ist also nicht weg. Es steht davor, dazwischen und danach. Nur nicht in dem Moment, in dem die Farbe auf die Leinwand kommt.