Wie gesund wollen wir sein? Und wer gestaltet das eigentlich?
Eine Rezension zu „Wie gesund wollen wir sein?" von Sven Jungmann und Thomas Lindemann. Das Buch benennt die richtigen Baustellen im Gesundheitssystem, nur ist die Antwort darauf seltener KI, als der Titel glauben macht.
Auf meiner Überweisung stand „Weber Zeh Fraktur”. Gemeint war eine Weber-C-Fraktur. Jemand hat diktiert, jemand anderes hat abgetippt, dazwischen wurde aus einem Buchstaben ein Körperteil.

Solche und andere Momente sammeln Sven Jungmann und Thomas Lindemann in „Wie gesund wollen wir sein?” (Mosaik, 2024). Der Untertitel verspricht, dass KI und Digitalisierung das Gesundheitssystem menschlicher machen. Die Baustellen benennt das Buch richtig. Nur ist die Antwort darauf seltener Digitalisierung und KI, als der Titel glauben macht.
Der Ausgangspunkt stimmt: Wir werden realistisch nicht wesentlich mehr Ärztinnen und Ärzte ins System bekommen und auch nicht mehr Pflegekräfte. Dafür mehr alte Menschen und mehr Behandlungsbedarf. Wenn also Technik die Dokumentation übernimmt, bleibt wieder Zeit für die Menschen. So die Rechnung.
Neue Herausforderungen für die Gestaltung
Nur ist vieles von dem, was das Buch fordert, gar keine Frage von KI. Beispiel aus dem Kapitel zur Patientenakte: Die Akte warnt inzwischen so oft, dass die Warnungen meistens ignoriert werden. Alert Fatigue. Das ist kein Modellproblem, das ist ein Gestaltungsproblem. Zu viele Meldungen, keine Priorisierung, kein Blick dafür, unter welchem Druck jemand sie liest. So geht es mir an vielen Stellen im Buch. Sechs Bezeichnungen für einen Herzinfarkt in einem System. Diagnosen in meiner Akte, über die nie jemand mit mir gesprochen hat. Digitalisierung macht solche Probleme nicht kleiner, sie skaliert sie nur schneller.
Und die Rechnung mit der Zeit geht nur auf, wenn jemand sie schützt. Gesparte Dokumentationszeit kann in Zuwendung fließen. Sie kann auch in mehr Fälle pro Schicht fließen. Die Arbeit verdichtet sich seit Jahren, und Effizienzgewinne haben sich in diesem System selten von allein in Ruhe verwandelt. Es müsste also nicht nur ein Minimum geben, sondern auch ein Maximum.
Die Gegenwart holt das Buch schon ein
Wie schnell die Gegenwart ein Sachbuch einholt, zeigt die ePA. 2024 lautete das Urteil: gibt es, taugt nichts, wir brauchen einen digitalen Zwilling statt einer digitalen Aldi-Tüte. Zwei Jahre später ist die Nutzung Pflicht, und der Hausärzteverband beschreibt das Ergebnis als unsortierte PDF-Sammlung ohne Volltextsuche. Aldi-Tüte, jetzt flächendeckend.
Stark ist das Buch da, wo es aufhört, die Gegenwart zu beklagen, und erzählt, wie es sein könnte. Diese Szenarien hätte ich gern öfter gehabt. Und aktuell können wir ja alle dabei zugucken, wie sich das Thema verändert. Wenn jemand ein gesundheitliches Problem hat, ist eine Frage an ChatGPT oder Claude nicht weit und kann sogar hilfreich sein. Das beschreibt Jungmann auch in seinem Buch: Besonders bei der Erkennung von seltenen Krankheiten, bei der individuellen Begleitung und bei personalisierten Empfehlungen kann KI sehr hilfreich werden.
Eigenverantwortung setzt voraus, dass das System mitspielt
Die interessantere Forderung steht weiter hinten im Buch, und sie hat mit KI wenig zu tun: Eigenverantwortung. Nicht die Tablette und das Rezept, sondern ein aktiver Part in einem gemeinsamen Prozess. Dazu gehört ein Gedanke, den ich mitnehme. Der einzelne Termin bei der Hausärztin ist der falsche Maßstab. Was trägt, ist eine dauerhafte Begleitung aus Information, Personalisierung und Guidance. Entlassung ist vielleicht das falsche Konzept.
Nur setzt Eigenverantwortung voraus, dass das System mitspielt. Meine Uhr misst seit Jahren mit, und im System interessiert das niemanden. Meine Fitnessstudio-Mitgliedschaft habe ich bei der Kasse eingereicht und bis heute nicht erfahren, was aus den Punkten geworden ist. Meinen Gesundheitscheck schiebe ich seit Wochen vor mir her.
Ich soll meine Gesundheit selbst in die Hand nehmen. Womit denn?
Vielleicht schlage ich mich doch mal durch die ePA-Registrierung. Steht auch schon eine Weile auf der Liste. Vielleicht finde ich da ja etwas. Vielleicht auch nicht.